Saskia Vrgocs Welt

Saskia Vrgoc hat im April an ZEIT FÜR MEHR teilgenommen. Damals lebte sie mit ihrem Mann und zwei Kindern in Berlin-Kreuzberg und schrieb an ihrem ersten Roman.  


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“When setting out on a journey. Do not seek advice from those who have never left home." (Rumi)

Saskia, wann pocht Dein Herz vor Glück?   

Ich denke hier öfter an eine Szene: Ich war vielleicht 13 Jahre alt und im Sommerurlaub in Irland. Ich wollte unbedingt reiten - natürlich am liebsten direkt ausreiten - und ich landete in einer Reitgruppe für Fortgeschrittene, obwohl ich gar nicht reiten konnte. Die Gruppe galoppierte in rasendem Tempo durch feuchte Wälder und am Strand entlang, dass Wasser und Sand nur so spritzten, schließlich einen Hügel hinauf zu einem alten Fort mit unglaublicher Aussicht. Ich klammerte mich am Sattel fest, aber ich hatte keine Angst. Ich war frei und glücklich. Es ist oft gar nicht so leicht, Abenteuer zu erleben. Zu gefährlich, was alles passieren kann, wer verklagt den Reiterhof, fahrlässig... Aber ich glaube bis heute pocht mein Herz vor Glück, wenn ich etwas tue, ohne es vorher zu zerdenken, auch wenn es vielleicht ein wenig "gefährlich" ist.


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Du lebst jetzt mit Deiner Familie auf einer Insel in Kroatien. Vor ein paar Monaten hat sich euer Alltag noch inmitten einer Großstadt abgespielt. Es gab sicherlich auch Ängste vor diesem Schritt; was hat Dir den Mut gegeben, das durchzuziehen?   

Ja, es gab viele Ängste - und auch viele Bedenken von außen. (Aber auch viel Zuspruch) Letztlich kann man nur zwei Dinge tun: zuhause bleiben, oder den Schritt machen und schauen, ob die Ängste wirklich so wahr sind, wie sie tun. Ich übe seit längerer Zeit, über die Ängste hinweg zu schauen, auf das, was hinter ihnen liegt. Dabei hat mir ZEIT FÜR MEHR sehr geholfen. Diesmal habe ich - einfach zum Spaß - eine "Ängsteliste" angelegt und in den Wochen vor der Abreise ALLEs aufgeschrieben, was mir im Kopf rumging. 39 Ängste. (Keine von ihnen war wahr oder begründet, aber ich könnte die Liste jetzt mit neuen Ängsten fortführen.)

Schon öfter dachte ich, wenn ich das schaffe, dann brauche ich wirklich keine Angst mehr zu haben . Leider ist das nicht so. 

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Ich habe erfahren, wie wertvoll wirkliche Unterstützung ist - und ich versuche, sie an andere weiterzugeben.

Welches Erfolgserlebnis der letzten Monate war für dich besonders wichtig?

Die Nachricht, dass ein wunderbarer Verlag mein Buch veröffentlichen will. Ja, das war ein schöner Moment, ein Traum war Realität geworden. 

Was nährt und stärkt dich zur Zeit? 

Das ist natürlich meine Familie, mit der ich hier bin. Mein Mann, meine oft so lustigen und weisen Kinder. 

Und mitten in der Natur zu sein, das ist ein unglaubliches Erlebnis für mich! Und ich meine jetzt richtige Natur. Bis vor kurzem dachte ich ja, das sei der Landwehrkanal in Berlin.


Gibt es aktuell eine Frage, die dich beschäftigt? Wer eine gute Idee dazu hat oder sich dazu austauschen möchte, kann das gerne unter diesem post machen...  

Im April war ich gemeinsam mit drei anderen Teilnehmerinnen bei Zeit für mehr dabei. Im Anschluss haben wir ein "Team" gegründet, wir tauschen uns regelmäßig aus und begleiten unsere nächsten Schritte, die für uns alle in noch unbekanntes Terrain führen.

Wir alle arbeiten kreativ, in ganz unterschiedlichen Bereichen - und wir landen oft bei dem Thema, wie wir unsere Arbeit vor uns selbst und anderen rechtfertigen können. , dass wir komplett anders arbeiten als viele andere. Oft erdrücken wir uns schier selbst mit Erwartungen und Ansprüchen und der verbreitete Effektivitäts- und Produktivitätswahn und auch das schlechte Gewissen packen uns. Dann fällt es uns schwer anzunehmen, dass wir komplett anders arbeiten als viele andere, dass das Nichtstun im Café, die Wanderung im Morgengrauen, der Besuch diverser Ausstellungen und viel Zeit für uns allein ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist. Wer es ausprobiert hat, weiß wie schwer es ist, nichts zu tun und es ist auch nicht besonders hoch angesehen. Viele von uns sind Mütter kleiner Kinder - deshalb brennt es noch mehr unter den Nägeln - und wir beschäftigen uns mit dem Thema, wie wir ausreichend Zeit für unsere Arbeit bekommen und wie wir damit Geld verdienen. 

Lieber Leser, kennst Du diese Herausforderung? Die eigene Art zu arbeiten entspricht nicht der Norm. Während andere unter Dauerstrom stehen, nimmst Du Dir Inspirationspausen. Einerseits weißt Du, dass dein Arbeitsprozess genau so für Dich stimmig ist und Du nur so gut arbeiten kannst. Andererseits bist Du mit Blick auf Andere unsicher, ob du Dir das so rausnehmen darfst? Kommentare gerne unten.


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Saskia, wo finden wir mehr von Dir?

Ich arbeite gerade an meiner Website. Aber wie ich hier auf der Insel lerne: es gibt absolut keinen Grund für Eile! Demnächst also hier: saskiavrgoc.de

Im Sommer 2019 erscheint mein erster Roman. Ich bin selbst gespannt, welchen Titel er tragen wird.

UPDATE APRIL 2019: Saskias Buch trägt den Titel: Tag für Tag. Es erscheint bei Kain&Aber.

Im Vorschauprogramm des Verlags wird sie als vielversprechende neue Stimme in der deutschen Literatur vorgestellt. Wahnsinn, Saskia!

Außerdem konnten wir Saskia überzeugen uns noch einige ihrer Zeilen zu schenken. Und so liest es sich, wenn eine Schriftstellerin aus ihrem Alltag erzählt:


Die Leute im Dorf reiben sich die Augen und können nicht glauben, dass wir immer noch hier sind - und vorhaben, den ganzen Winter zu bleiben. Deshalb sind wir nun "Stivaner" - und auch ganz offiziell Inselbewohner und bekommen die Fährfahrt nach Split zum halben Preis :-)

Inzwischen ist der letzte Tourist (mein Vater) abgereist und wenn wir es auch nicht glauben können, auch hier wird es Winter werden. 

Wir werden so oft vor der "richtigen" Bura gewarnt (ach, war das letztens nicht die richtige?), dass uns langsam ein wenig mulmig wird. Ivan gibt zu bedenken, dass er vor Jahren im Dorf seiner Oma eine Bura mitbekommen hat. Abwehrende Handbewegungen. Wer noch keine Bura genau hier in Sutivan erlebt hat, der weiß wirklich nicht, wovon er redet. 

Und die Bura letztens? 

Das war doch gar keine, sagt Etti, eine Bewohnerin, die sich sehr gut mit allen Winden auskennt und versucht, sie mir zu erklären. Ach. 

Sie krault ihren Hund, einen Babyschnauzer, der auch Bura heißt, aber nur wenig an den gewaltigen Wind erinnert, eher an einen friedlichen Maestral, der schönes Wetter verspricht. 

Im Internet lesen wir, dass die Bura schon ganze Reisebusse ins Meer geweht hat. Wir überlegen, ob die Gefahr besteht, dass unsere Kinder, die dünn wie Striche in der dalmatinischen Landschaft sind, fortgeweht werden könnten und ich hoffe, dass die Bura nicht gerade dann kommt, wenn Ivan nach Berlin fährt, damit wir gemeinsam unsere Kinder festhalten können. Und alles andere, was uns lieb ist.  

Während wir so auf die Bura warten, erlebten wir zumindest schon mal einen "echten" Jugo (Südwind), der genug Kraft hatte, ein ganzes Dorf in tiefe Fijaka zu stürzen. Er brachte so warme Luft, dass alle in Müdigkeit und Trägheit versanken, außerdem Wolkenberge, die sich vor der Küste ausbreiteten, so dass Sonne und Festland für einige Tage nicht zu sehen waren. Er wehte erst die Nerven blank und wirbelte dann alles durcheinander. Er brachte Regen, aber nur wenige Tropfen, dann kurze Schauer und wir schwitzten in unseren Regenjacken. Dann plötzlich öffneten sich alle Wolken auf einmal und der Jugo lachte über den großen Regen. Am Nachmittag ließ er kurz die Sonne durch und malte gleich zwei Regenbogen, bevor er seine Geschwindigkeit immer mehr erhöhte. In der Nacht schoss er ums Haus und feuerte Blitze mitten rein ins Getöse.

 

Liebe Saskia, vielen Dank für Deine Worte!